
StummfilmKonzerte - Stummfilm mit LivemusikGlossar Die Austernprinzessin[Ernst Lubitsch, D 1919]Mysterien eines Frisiersalons[Erich Engel, Bertolt Brecht, Karl Valentin, D 1922/23]Die Austernprinzessin von Ernst Lubitsch und Mysterien eines Frisiersalons von und mit Karl Valentin stehen für zwei ganz unterschiedliche Spielarten der deutschen Stummfilmkomödie: Im ersten Fall handelt es sich um ein aufwendig choreographiertes, mit Bildwitz und Tempo inszeniertes Lustspiel, eine „sophisticated comedy“. Alles dreht sich um Sex und Reichtum, um Lug und Trug. Der Valentin-Film ist dagegen eine schnell und billig gedrehte Groteske, deren derber und ungehobelter Humor sich am Slapstick und am Volkstheater orientiert. Gemeinsam ist beiden Komödien der Anarchismus als komisches Prinzip, das Vergnügen am Regelverstoß, das Lächerlichmachen der Autoritäten. Ernst Lubitsch und Karl Valentin sind Meister ihres Fachs. Ossi (Ossi Oswalda) ist die eigenwillige Tochter des steinreichen Austernkönigs und beharrt darauf, einen richtigen Prinzen zu heiraten. Ein Heiratsvermittler stellt den Kontakt zum völlig verarmten Prinz Nucki (Harry Liedtke) her. Doch bevor Ossi und Nucki zueinander finden, kommt es zu Mißverständnissen, Verwechslungen und Entgleisungen, einem Damenboxkampf, dem Ausbruch des Foxtrottfiebers und Alkoholexzessen. Lubitsch, der während des Ersten Weltkrieges in der Rolle des schlagfertigen jüdischen Lehrlings zum Publikumsliebling avanciert ist, tritt in Die Austernprinzessin nicht mehr selbst auf. Er ist aber trotzdem dauernd präsent. Sein Film hat die Leichtigkeit und Eleganz einer Operette; die Massenszenen sind virtuos inszeniert und haben die Bissigkeit einer Satire. Lubitsch bringt das Publikum nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Staunen über die visuelle Opulenz und wunderbare filmische Einfälle. Diese Qualitäten sind es, die den Jungen aus der Schönhauser Allee wenig später zu einem so gefragten Mann in Hollywood machen. Béla Balázs bewundert 1923 die „offenbare, absichtliche Selbstironie des Regisseurs“: „Denn die Quelle des Komischen liegt hier schon im Regiestil, der in einer Selbstverspottung besteht. Filmmoden und Filmmanieren werden entlarvt, bloß dadurch, daß sie ein wenig übertrieben werden.“ (Der Tag, Wien, 10.8.1923). Mysterien eines Frisiersalons, geschrieben von Bert Brecht, Erich Engel und Karl Valentin, ist eine Low Budget-Produktion: Die Geschichte eines seltsamen Frisiersalons, indem nicht nur Haare, sondern auch Köpfe abgeschnitten werden. Ein Delirium, eine Farce, ein absurdes Theater. An der Seite des schlaksigen Münchner Originals Karl Valentin agiert wie gewohnt Liesl Karlstadt als kongeniale Partnerin. Über einen Auftritt von Valentin, der in den 20er Jahren nur selten auf der Leinwand zu sehen ist, schreibt Hans Sahl: „Ein genialer Clown (...), auch ein großer Artist und Musiker. Ein bayerischer Buster Keaton. Mit diesem verbindet ihn die Art seiner Groteske, jene unlogische, überlogische Kunst, Dinge überraschend aus dem Zusammenhang herauszugreifen (...). Aber das ist nur die eine Seite. Man wird das Geheimnis seiner Komik niemals ganz begreifen. Und das ist vielleicht ihr tiefstes Geheimnis.“ (Der Montag Morgen, 16.1.1928). Philipp Stiasny
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Bilder: Filmmuseum Berlin |
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